MissGeschick

Sie guckte erst mal nach, was „mishap“ auf Deutsch bedeutete. Es bedeutete „Missgeschick“ und sie dachte, Potzdonnerblitz, ich war für diesen Mann nichts weiter als ein Missgeschick. Um das zu verdauen, ging sie erst mal zu ihrem Vorratsschrank. Dem, den sie lieber mit einem Schloss hätte versiegeln sollen und den Schlüssel wegwerfen, hatte sie aber nicht, und so war der Schrank immer zugänglich. Und damit der Inhalt. Oder genauer, na nicht genauer aber eben unter anderem: auch die Schokolade. Und zwar die mit der super cremigen Füllig, die auf der Zunge verging, ehe sie in den Magen gelangte und ihn verschleimte. Jedenfalls fühlte es sich so an, wenn sie auch nur ein Stückchen davon zu viel aß.
Die Kunst bestand also darin, genau zu spüren, welches das letzte Stück vor Zuviel war. Und obwohl sie wirklich viel übte, in letzter Zeit sogar täglich, also hauptsächlich abendlich, aber der Abend zählte ja noch zum Tag, also täglich, gelang es ihr nicht immer. Und von dieser Schokolade hatte sie unvernünftigerweise natürlich immer einen guten Vorrat. Was übrigens ein Beispiel dafür war, dass die Tugend Vorsorgen nicht immer positiv zu bewerten war.
Weg mit den Überlegungen.
Weg mit dem Mann.
Wenn hier einer ein Missgeschick war, dann doch der Kerl.
Weg.
Da.
Mit.
Und aus die Maus.
Warum sie sich mit dem Mann eingelassen hatte? Na, aus masochistischen Gründen, die in Marie ebenso vorhanden waren wie die selbstzerstörerische Creme-Schokoladen-Sucht. Das war die schlechte Marie in ihr.
Im Gegensatz zur guten Marie. Der Marie, die jeden Tag brav zur Arbeit ging und nie fehlte. Die morgens, ehe sie aus dem Haus ging, unfehlbar ihr Bett machte. Die jeden Samstag-Vormittag ihre Wohnung putzte und einkaufen ging. Die brave Marie, die Gold-Marie.
Im Gegensatz zur Pech-Marie, die die Schokoladen-Vorräte auffüllte und sich abends seichte Kitschfilme reinzog, die genauso süß schmeckten wie die Cremefüllung der Schokolade. Und die sich auf ein Verhältnis mit ihrem Chef eingelassen hatte, obwohl doch jeder und jede wusste, dass der Typ ein Frauenheld war, der berühmte Teflon-Typ, an jedem Finger eine und keine blieb kleben. Also sie wären schon gerne kleben geblieben, die Frauen, aber der Teflon nannte sie Missgeschicke und schüttelte sie ab.
Gold-Marie hatte diese Chef-Affäre natürlich nicht für gut befunden, aber sie hatte Pech-Marie irgendwie auch verstanden, denn Pech-Marie hatte gute Argumente: Der Mann war souverän und sah verdammt gut aus. Er hatte die Figur eines regelmäßigen Sportstudio-Besuchers und das Gesicht eines Verführers. Das Benehmen eines Gentlemans und das Herz eines … Pechmarie überlegte. Aber Goldmarie wusste die Antwort: Der Mann hatte überhaupt kein Herz. So einer war er nämlich.
Marie hielt die Schokolade in der Hand. Wie viele Stücke hatte sie jetzt eigentlich schon gegessen? Und wenn sie jetzt noch eins aß – würde ihr dann schlecht werden?
Missgeschick, murmelte Gold-Marie traurig. Ich bin ein Missgeschick.
Aber da sagte Pech-Marie laut und deutlich: Von wegen Missgeschick! Das hast du falsch verstanden! Da fehlt ein t!
Es heißt: Miss Geschickt!

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